Interview mit Tatjana Gürbaca

Requiem auf ein Dorf

Die Regisseurin Tatjana Gürbaca im Gespräch über Carl Maria von Webers romantische Oper "Der Freischütz".
"Der Freischütz" von Carl Maria von Weber gilt als DIE deutsche Nationaloper schlechthin. Was macht dieses Stück bis heute so "deutsch"?

Tatjana Gürbaca: Zunächst einmal wurde die Oper in der Zeit der deutschen Romantik komponiert, der Geburtsstunde von allem, was uns in unserem Teil der Welt heute noch beschäftigt, belastet und ausmacht: Das Ereignis der Französischen Revolution, der Beginn der Industrialisierung, die vielen Erfindungen und Entdeckungen, die im Mikro- und Makrokosmos gemacht werden, stürzen die Menschen in eine große existentielle (Glaubens-)Krise. Auch in Webers "Freischütz" wird Gott zwar besungen, ist aber nirgends zu finden, während Samiel an jeder Ecke lauert. Einer Figur wie Agathe bleibt nur der Rückzug in den Pantheismus. Als Jubelstück auf die Befreiungskriege gedacht, spiegeln sich in der Oper außerdem sowohl ein beginnender deutscher Chauvinismus als auch der Restaurationsgedanke Preußens wider – beispielsweise im Ritual des Probeschusses, das am Ende nicht abgeschafft, sondern durch ein Probejahr ersetzt wird.

Allerdings verlegen Carl Maria von Weber und sein Librettist Friedrich Kind den „Freischütz“ in die Zeit unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Krieg. Ist die Geschichte in gewisser Weise zeitlos?

Ja! Es werden Prozesse beschrieben, die man immer wieder beobachtet. Bedrückend ist vor allem die Geschichte um Kaspar. Schließlich war er der ursprüngliche Erbe der Försterei und der Verlobte von Agathe, dann kommt der große Krieg, der ganz Europa verwüstet, und Kaspar wird eingezogen, und als er endlich in seine Heimat zurückkehrt, ist er sofort ein Außenseiter.

Die zentrale Szene, das Gießen der Freikugeln, spielt in der Wolfsschlucht. Eine Art Parallelwelt?

Die Wolfsschlucht ist wie eine Seite der realen Welt, die man aus dem Bewusstsein verdrängt hat. Hier zeigen die Dinge erst in der Nacht ihr wahres Gesicht, was ja einem urromantischen Gedanken entspricht.

Im Gegensatz zur Vorlage wird in der Oper alles zu einem positiven Ende geführt. Wird es in Ihrer Inszenierung ein Happy End geben?

Ich glaube nicht an ein Happy End, im Gegenteil: Das kleine Dorf im böhmischen Wald steht ja für das große Ganze – mehrere Millionen Menschen hatten im Dreißigjährigen Krieg ihr Leben gelassen. Und auch für die Hauptfiguren ist das Ende alles andere als happy. Agathe wollte schon längst fort aus ihrem Elternhaus und hat mit Kaspar schon einmal einen Verlobten verloren. Nun wird die Hochzeit schon wieder verschoben. Auch für Max wird es schwer, seine eigene Würde zu retten. Und Kaspar muss sterben und wird vom Teufel geholt. Dann tritt der Eremit auf und soll mit ein paar Sätzen alles richten. Können wir heute noch an so etwas glauben? Das Stück scheint mir eher ein Requiem zu sein, auf alles, was im Krieg untergegangen ist.

Interview: Svenja Gottsmann

Alle Informationen zur Produktion "Der Freischütz" finden Sie hier.