Interview mit Xavier Sabata

Die Stimme Gottes

Xavier Sabata ist in Scarlattis "Kain und Abel" als Gott zu erleben. Chefdramaturg Christian Schröder sprach mit dem Countertenor.
Wie wird man eigentlich Countertenor?

Xavier Sabata: Es gibt drei Dinge, die man als Countertenor mitbringen muss. Zunächst muss einem diese Art zu singen leicht fallen, es muss natürlich sein. Dann muss man das Counter-Repertoire wirklich lieben. Es gibt ein Kernrepertoire: zahlreiche Barockwerke und ein bisschen moderne Musik, die man höchstwahrscheinlich singen wird. Und drittens muss man als Countertenor psychisch und seelisch mit dieser Stimmlage im Reinen sein, dann fühlt es sich menschlich eben nicht fremd an. Für mich war es ein langer Weg, und ich sehe meinen Beruf inzwischen als Geschenk an.

Wie verlief denn dieser lange Weg?

Sabata: Ich bin relativ spät zum professionellen Gesang gekommen. Ich habe als Kind mit Saxofon angefangen und daneben auch Solfeggio-Unterricht bekommen. Außerdem habe ich auch im Kinderchor gesungen, und nach dem Stimmbruch wollte meine Stimme automatisch immer in das höhere Register wechseln. Aber mir war damals nicht bewusst, dass man daraus etwas machen kann. Mit 15 oder 16 habe ich davon geträumt Schauspieler oder Musical-Darsteller zu werden, aber meine Eltern wollten, dass ich etwas anderes studiere. Also habe ich mich für Philosophie eingeschrieben. (lacht) Aber ich habe meine künstlerischen Aktivitäten parallel dazu weitergeführt, das war wirklich eine verrückte Zeit. Auch mit Schauspiel habe ich sehr früh angefangen, da war ich etwa 19. In der Regie von Calixto Bieito habe ich z. B. in einem Shakespeare-Stück am Nationaltheater Barcelona mitgewirkt. Und daneben habe ich im experimentellen Theater und in Musicals auf der Bühne gestanden. In diesen Experimentalstücken habe ich oft mit meiner Kopfstimme gesungen, und alle Leute waren davon fasziniert. Und dann gab es plötzlich diesen Countertenor-Boom, unter anderem durch den Erfolg von Andreas Scholl, und mir wurde plötzlich bewusst, dass es sich dabei tatsächlich um einen Beruf handelt. Mit 26 habe ich mich dazu entschlossen, diesen Weg zu gehen. Ich habe dann alle Theaterengagements abgesagt um Countertenor zu werden. Das war der Anfang. Dann ging es sehr schnell, auch weil ich schon eine Schauspielausbildung in der Tasche hatte. In meinem 2. Jahr in der Hochschule für Musik in Barcelona hat mich der Rektor gefragt, ob ich nach Frankreich fliegen und William Christie vorsingen möchte. Ich hatte natürlich große Bedenken, aber William hat mir augenblicklich fünf Stücke angeboten. Davon wurde ich erst einmal überrollt, aber ich wollte noch weiter studieren. Deshalb bin ich zunächst nach Karlsruhe gegangen und habe bei Hartmut Höll Liedgestaltung belegt. Zum einen wollte ich Deutsch lernen, zum anderen wollte ich durch die deutsche Gesangsschule mehr über sängerische Textgestaltung lernen. Ich war ja Schauspieler, und Wörter sind für mich extrem wichtig. Wenn ich heute gefragt werde, was für ein Sänger ich bin, antworte ich immer: Ich bin Schauspieler, kein Sänger. 
Xavier Sabata (Gott) hier mit Philipp Mathmann als Abel. Foto: Matthias Jung
Hat das auch einen Einfluss auf deine Rollengestaltung?

Sabata: Ich lerne meine Rollen immer vom Text ausgehend. Außerdem analysiere ich immer die Entstehungszeit eines Stücks. Dadurch kann ich mich besser in die Psyche einer Rolle hineinversetzen. Für mich ist das einfacher als mich direkt stimmlich mit einer Partie zu beschäftigen. Vielleicht ist das verrückt, und vielleicht bin ich kein „perfekter“ Sänger – aber zu einer Opernrolle gehören eben auch die Worte und nicht nur die Noten. Für mich ist das ein Glück!

Landläufig verbindet man einen Countertenor meistens mit Barockmusik, z. B. mit den Kastratenpartien. Aber du sprengst dieses Bild ständig, indem du Liederabende gibst oder moderne Musik interpretierst.

Sabata: Auf meinem Diplom steht zwar „historischer Gesang“, aber ich hasse die Einteilung von Sängern in Stimmfächer. Für mich hat sie nichts mit der Realität zu tun. Sie ist ein bloßes Etikett, um leichter über Opernsänger reden zu können. Ich fühle mich mit dem Label „Countertenor“ jedenfalls nicht definiert. Es gibt auch viele falsche Informationen über die Barockzeit. Es gab damals nämlich auch schon Countertenöre, die u. a. in der Kirche mit den Kastraten zusammengearbeitet haben. Und heute singen wir eben nicht nur das, was die Kastraten in der Barockzeit gesungen haben – allerdings können wir das eben singen. Wir singen daneben auch viel Musik, die für weibliche Altstimme geschrieben wurde. Und natürlich klingen wir nicht wie ein Kastrat! Ich selbst fühle mich als Künstler, nicht „nur“ als Sänger: Ich gestalte meine CDs und Liederabende selbst. Und auf der Bühne will ich auch nicht nur ein ausführendes Organ sein, sondern ein „Schöpfer“. Nur wenn ich mich als kompletter Mensch mit Leib und Seele, mit Stimme und Schauspiel selbst in die Waagschale werfe, kann ja Kunst entstehen. Mir ist es wichtig, meinen ganz eigenen Weg zu gehen. Gerade habe ich zum Beispiel Schuberts „Winterreise“ aufgenommen. Für viele Leute war das ein Schock, aber es gab ja auch bereits viele Frauen, die diese Musik interpretiert haben. Warum sollte dieses Stück auch nur für eine bestimmte Anzahl an Leuten geeignet sein? Ich finde Schuberts Musik wirklich unglaublich und habe mich überhaupt nicht um künstlerische oder konventionelle Schranken gekümmert. Natürlich will ich jetzt nicht unbedingt Rosina in Rossinis „Barbier von Sevilla“ singen – aber wer weiß, vielleicht ist das in einer bestimmten Inszenierung mal möglich. Ein Wunsch-Projekt von mir ist Schönbergs „Pierrot lunaire“ – ich liebe dieses Stück! Und darum will ich als Künstler durch diese Musik hindurch gehen und meine künstlerische Vision davon verwirklichen. Für mich muss Musik Leben besitzen. Es gibt heute einige Komponisten, die vor allem konzeptuell mit bestimmtem Musikmaterial und mit Formen spielen wollen. Natürlich könnte ich das auch singen, aber da gäbe es für mich nicht die innere Notwenigkeit oder Dringlichkeit das zu machen.

Wie äußert sich denn diese „innerer Notwendigkeit“ bei dir?

Sabata: Ich will all meine Rollen vermenschlichen – das ist meine künstlerische Obsession. Wenn ich mir beispielsweise Bilder aus der Barockzeit, etwa Caravaggio, anschaue, dann stelle ich fest, dass es dort immer einen ganz starken Fokus auf etwas gibt. Für mich ist es aber viel spannender zu untersuchen, was sich jenseits des gut sichtbaren befindet. Ich suche bei allen Rollen das, was nicht an der Textoberfläche angelegt ist, um sie dreidimensional zu machen. Meine erste CD trägt den Titel „Bad Guys“. Dahinter stand nicht die Marketing-Idee etwas Besonderes zu tun, sondern meine Begeisterung für diese Rollen. Ansonsten werden ja eher die Arien der strahlenden Helden aufgenommen. Ein anderes Beispiel ist der Ottone in Monteverdis „Poppea“. Viele meiner Kollegen verachten diese Partie und halten ihn für einen Schwächling, aber ich finde ihn sehr spannend. Ich mag es nicht, wenn Sänger oder Regisseure eine Rolle schon von vorneherein verurteilen. Ottone z. B. ist für mich kein „Verlierer“ sondern ein „Kämpfer“. Und wenn ich eine Rolle aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel heraus interpretiere, kommt plötzlich in das gesamte Stück eine andere Energie.

Das ist eine gute Überleitung zu der Partie, die du hier in Essen singst: Gott!

Sabata: Die Partie passt sehr gut zu mir, oder? (lacht) Übrigens ist es das dritte Mal in meiner Karriere, dass ich Gott spiele. Das erste Mal habe ich ihn als Schauspieler in einem Tanztheater-Stück nach Miltons „Paradise lost“ interpretiert. Luzifer war eine Tänzerin, mit der ich einen wunderbaren Tango tanzen durfte. Das zweite Mal habe ich mit Calixto Bieito Calderón de la Barcas „Das große Welttheater“ gemacht, übrigens in Deutschland. Offiziell war ich dort als Schauspieler dabei, habe allerdings auch ein paar Arien singen dürfen. Das war ziemlich wild und verrückt! Scarlattis „Kain und Abel“ kenne ich seit vielen Jahren und liebe dieses Stück. Leider steht Scarlatti nicht sehr oft auf den Spielplänen. Er kommt wie Porpora, Vinci und Pergolesi aus der neapolitanischen Schule, aber er hat den anderen etwas voraus. Scarlatti hat keine akrobatische Musik für Kastraten geschrieben, sondern ist ganz stark vom Libretto ausgegangen. Er hatte eine ganz ausgeprägte kompositorische Handschrift: komplexe Harmonien, reiche Melodik. Es ist gar nicht einfach Gott zu spielen, denn er hat von Natur aus ja keine dramatische Entwicklung. Er weiß alles, er ist überall. Entweder spielt man ihn „supercool“ oder total böse. Aber hier in Essen findet etwas ganz Spannendes statt: Gott ist Teil eines Experiments, das ihn permanent überrascht …

Und wenn du tatsächlich einen Tag Gott sein dürftest, was würdest du tun?

Sabata: Ich würde mir etwas für die Welt wünschen: Ich würde wahrscheinlich sicherstellen, dass alle Menschen sich bewusst werden, dass sie nur vorübergehend auf dieser Erde sind. Das würde uns hoffentlich dazu bringen, einige Dinge anders zu machen und verantwortungsvoller zu sein.