Interview mit Ivor Bolton

Von Händel bis Bruckner

Ivor Bolton, Artist in Residence in der Philharmonie Essen in der Spielzeit 2019/2020, ist kein eitler Maestro. Vielmehr versteht er sich als Vermittler. Das liegt sicher an seiner Herkunft: Als Kind der Arbeiterklasse genoss er eine humanistische Bildung, entdeckte schon als Jugendlicher seine Liebe zur Musik und stieg rasch die Klassik-Karriereleiter hinauf. Im Interview spricht er über seine Projekte, die er in der Philharmonie Essen realisieren wird.

Sie eröffnen Ihre Residenz mit Händels „Ode for St. Cecilia’s Day“ und „Alexander’s Feast“. Wie wichtig ist der Komponist Händel für Sie und Ihre künstlerische Laufbahn?
Ivor Bolton: Mit Händel habe ich meine Opernkarriere begonnen, deswegen wird sein Werk immer eine ganz besondere Bedeutung für mich haben. Ich habe unzählige seiner Opern und Oratorien dirigiert, sehr viel Zeit mit dem Einstudieren seiner Werke verbracht, zum Beispiel mit The English Concert in den 80er Jahren. Händel ist eine feste Größe für mein künstlerisches Leben.

Madrid, Basel, Dresden, Salzburg: Wie unterschiedlich ist die Arbeit mit den verschiedenen Orchestern, die Sie geleitet haben oder aktuell leiten?
Jedes Orchester bringt seine eigenen Qualitäten mit, hat seine eigene Klangkultur. Auch die Probenarbeit ist ganz unterschiedlich. Das Dresdner Festspielorchester zum Beispiel kommt nur für wenige Wochen im Jahr zusammen. Das Mozarteumorchester Salzburg hat hervorragende kammermusikalische Fähigkeiten, mit einer außergewöhnlich guten Holzbläsergruppe. Das gilt auch für das Sinfonieorchester Basel, das wiederum einen eher französischen Klangansatz hat. Mit dem Teatro Real Madrid in Essen spielen zu können, wird eine besondere Gelegenheit sein, denn das Orchester ist in seiner Heimatstadt stark eingebunden. Als Dirigent bin ich ein wichtiges Element der Klangentwicklung, aber nicht das einzige. Ich verstehe meine Aufgabe darin, eine bereichernde Beziehung zwischen Orchester und Musikalischen Leiter herzustellen. Durch das Interagieren zwischen dem Klangkörper und mir entstehen spannende musikalische Geschichten, die wir gemeinsam erzählen wollen.

Mit Beethovens Violinkonzert D-Dur – interpretiert von Daniel Hope – leisten Sie auch einen Beitrag zum Beethoven-Jahr. Was bedeutet Ihnen sein Werk, auch politisch?
Beethovens Musik – und besonders die Ode an die Freude – eignet sich als Statement für Europa. Sie hat die Kraft, Menschen in tiefgründiger Art miteinander zu verbinden. Musik ist farbenblind, und wir Musiker urteilen nicht mit den Augen, sondern mit dem Gehör und mit dem Herzen. In Orchestern spielen Menschen aus sehr vielen verschiedenen Nationen miteinander, frei von Vorurteilen oder Ressentiments.

Im Mai 2020 beschließen Sie Ihre Künstlerresidenz mit Beethovens „Eroica“ und der gesamten Schauspielmusik zu Goethes „Egmont“ – Werke mit politisch-historischem Hintergrund. Spielt dieser Aspekt in Ihrer musikalischen Interpretation eine Rolle?
Es ist immer wichtig, die Entstehungsgeschichte und den Subtext eines Werks zu kennen. Beethovens Musik, auch seine „Eroica“, ist ja sehr stark von politischen Ereignissen inspiriert. In „Egmont“ hört man regelrecht, wie turbulent die europäische Geschichte zum Zeitpunkt der
Handlung von Goethes Trauerspiel verlief. Die gesamte Schauspielmusik zu „Egmont“ wird relativ selten aufgeführt, da man für diese musikalische Aufgabe Spezialkräfte braucht. Diese haben wir für das Projekt in der Philharmonie gefunden und ich bin dankbar, es in Essen mit dem Mozarteumorchester realisieren zu dürfen.

Zum Mozarteumorchester Salzburg, dessen Ehrendirigent Sie sind, haben Sie eine besondere Beziehung …
Im Jahr 2000 habe ich das Orchester zum ersten Mal getroffen, und die Musikerinnen und Musiker sind meine Freunde geworden. Unter den wichtigsten österreichischen Klangkörpern nimmt es eine Sonderstellung in der Musikgeschichte ein.

Anton Bruckners Sinfonien bilden in der Spielzeit 2019/2020 einen weiteren Schwerpunkt. „Bruckner hat den Mut, seine Musik für riesige Leinwände zu denken“, sagen Sie in einem Interview. Gilt das auch für seine „Romantische“?
Bruckners Vierte ist nicht seine längste Sinfonie, aber sie hat romantische Schwere, enthält viele Anspielungen und hat ihren ganz eigenen emotionalen Reiz. Diesen herauszuarbeiten, ist eine Aufgabe, auf die ich mich schon sehr freue. Ich bin gespannt auf die Arbeit mit den Essener Philharmonikern, mit denen ich Bruckners „Romantische“ gemeinsam aufführen werde.

In eine ganz andere Klangwelt führt uns Gioacchino Rossini, dem Sie mit dem Orchester des Teatro Real Madrid eine Operngala widmen. Sind Galas besondere Herausforderungen?
Eine Operngala vorzubereiten, ist mit viel Arbeit verbunden, aber umso mehr Freude bereitet dann das Ergebnis. Das Orchester des Teatro Real Madrid beherrscht diese Disziplin perfekt. Als junger Dirigent habe ich in England sehr viel Rossini dirigiert: „La Cenerentola“, „Il barbiere di Siviglia“, „Le comte Ory“ … ich kehre nun gern zum Rossini-Repertoire zurück. Dieser Komponist ist in den letzten Jahren bei mir etwas zu kurz gekommen.

Die Konzerte mit Ivor Bolton in der Spielzeit 2019/2020 finden Sie hier im Überblick.