Die Spielzeit 2018/2019

Geleitwort von Intendant Christian Tombeil
Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter,
als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befindenund laut zu sagen: Nein!
Kurt Tucholsky

Liebes Publikum!

Alles umsonst?
Nein!

Dank Ihrer großartigen Unterstützung und mit Ihnen gemeinsam haben wir im vergangenen Jahr eine fantastische Jubiläumsspielzeit anlässlich des 125. Geburtstages unseres Theaters erleben dürfen.
So haben Sie im Rahmen unserer Publikumsaktion „Wünsch dir was!“ Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ nicht nur zur Eröffnungspremiere erwählt, sondern diese Inszenierung im Laufe der Spielzeit mit einer nahezu 100%igen Auslastung zu einer wahren Quotenkönigin gekürt. Auf den Tag genau 125 Jahre nach der Eröffnung unseres Theaters haben Sie mit uns gefeiert – am einzigen trockenen Samstag im September 2017. Nicht nur bei den zahlreichen Theaterführungen an diesem Tag haben Sie Ihr „Grillo“ von ganz anderen Seiten kennengelernt: Mit „Prinzen“ und „Bettelknaben“ haben Sie sich die Platze auf unseren bequemen roten Theatersesseln wie auch die auf dem nackten Boden geteilt, um am Ende des Abends gemeinsam von der Bühne in den Zuschauerraum und in eine (utopische) Zukunft zu schauen, in der vielleicht nicht alles umsonst, aber zumindest der Reichtum dieser Erde gerechter verteilt sein wird.

Sie haben den neugierigen Maulwurf Jupp im letzten Jahr der Bergbau-Ära im Ruhrgebiet bei seiner Suche nach dem Vermächtnis unseres Theatervaters Friedrich Grillo begleitet und in Luchino Viscontis „Der Fall der Götter“ erfahren, wie mit einer Familiendynastie zugleich eine ganze Epoche untergeht.
Das alles war – um unser diesjähriges, hoffentlich irritierendes Motto zu zitieren – keineswegs „umsonst“. Genauso wenig wie das Engagement der Familie Grillo vor nunmehr 126 Jahren, die ihrer Heimatstadt das Grillo-Theater geschenkt hat und der genauso wie Ihnen, die Sie immer wieder Ihr Theater besuchen und unterstützen, größter Dank gebührt! 

Denn „umsonst“ war Theater niemals zu haben: Viel Geld aus öffentlicher, aber immer wieder auch privater Hand und nicht zuletzt aus der Wirtschaft sind in das Theater geflossen: als Investition in die Zukunft einer lebenswerten Stadt.
Hier seien stellvertretend die Stadtwerke Essen AG und die Sparkasse Essen genannt, die seit über einer Dekade das Schauspiel mit bedeutsamen Beträgen unterstützen. Dass sich die Stadtwerke von Beginn an für die jährliche Förderung des Familienstücks im Großen Haus entschieden haben, zeigt deren Ab- und Weitsicht, sich für die jungen Familien der Stadt zu engagieren. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass sich beide Institutionen seit drei Jahren gemeinsam mit der WAZ/NRZ als Partner unserer Aktion „Der geschenkte Platz“ angenommen haben. Mit dem Ergebnis, dass die Spenden von Essener Bürgerinnen und Bürgern in den vergangenen drei Jahren bereits 3.369 Kindern und Jugendlichen und deren Familien, die sonst kaum an der sogenannten Hochkultur partizipieren können, einen Theaterbesuch ermöglicht haben.
Denn Theater ist Bildung – in jeder Hinsicht! Und ca. 20.000 Besucherinnen und Besucher zwischen vier und achtzehn Jahren bestätigen sicher gerne, dass es dazu auch noch auch auf vielfaltige Weise Spaß bringt. 

Jedoch: Kunst, an die Worte Karl Valentins erinnernd, ist „schön, macht aber viel Arbeit“. Ein umfassendes Kulturangebot – so preiswert es auch sein mag – ist nicht umsonst und auch nicht zu Discounter-Preisen zu haben. Ganz im Gegenteil: Sollten wir nicht unseren Anspruch hinterfragen, möglichst alles umsonst oder zumindest so billig wie es nur geht zu bekommen?Sollten wir nicht besonnener und nachhaltiger mit knapper werdenden Ressourcen umgehen? Und sollten wir uns gleichzeitig nicht streitlustiger und optimistischer mit den tiefsitzenden (Verlust-)Ängsten unserer Zeit konfrontieren? Ist es nicht höchste Zeit, Partizipation zuzulassen, wo immer wir können, statt den immer augenfälligeren nationalistischen Bestrebungen nachzugeben und über Jahrzehnte erworbene Errungenschaften leichtfertig aufs Spiel zu setzen? Sollen sämtliche Anstrengungen der letzten Jahre im Hinblick auf ein friedvolles, buntes, zukunftsorientiertes Zusammenleben, alle Begegnungen und alle Einsichten umsonst gewesen sein?Lassen Sie uns gemeinsam nachdenken! 

Ich freue mich auf Sie und wünsche uns allen eine spannende Spielzeit 2018/2019!
Ihr
Christian Tombeil
Intendant Christian Tombeil