Die Spielzeit 2019/2020

Geleitwort von Intendant Christian Tombeil
Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler.
Ingeborg Bachmann

Liebes Publikum!

„Geschichte schreiben“ – kann man sich das überhaupt vornehmen? Geschichten ja, aber auch Geschichte? Geschichte passiert gewissermaßen mitten im Alltag, und erst die nachfolgenden Generationen entscheiden, was geschichtsträchtig war und was nicht – was selbstredend immer eine Frage der Perspektive ist.

In unserer neuen Saison 2019/2020 wollen wir den Versuch unternehmen, uns unserer Geschichte mittels Geschichten zu nähern – den großen Um- und Aufbrüchen, den Jubiläen und den immer wieder neu erglimmenden Brandherden der Weltgeschichte.

So jährt sich im März 2020 der Ruhraufstand zum hundertsten Mal: Um gegen den rechtsgerichteten „Kapp-Putsch“ am 13. März 1920 in Berlin zu demonstrieren, waren noch am gleichen Tag überall im Ruhrgebiet Arbeiter auf die Straße gegangen und wenig später in einen Generalstreik getreten, an dem sich rund 75 % der Bergarbeiter-Belegschaften beteiligten und der den Putsch in der Hauptstadt schließlich scheitern ließ. Innerhalb weniger Tage formierte sich die Rote Ruhrarmee, die kurzzeitig die Oberhand im Revier gewann, jedoch Ende März von Reichswehreinheiten niedergeschlagen wurde. Dass es in der Folge nicht mehr gelang, den immer stärker werdenden rechten Kräften Einhalt zu gebieten – auch weil man sie zumindest anfangs nicht ernst genug nahm, weil man tolerierte, relativierte oder ganz wegschaute –, führte schließlich in die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges, dessen Beginn im September 1939 sich in diesem Jahr zum achtzigsten Mal jährt.

Umso aufmerksamer sollten wir heutzutage sein, sowohl im Umgang mit geschichtsvergessenen politischen Brandstiftern wie auch in dem mit pseudo-toleranten „Biedermännern“. Denn zeigt nicht sowohl die Historie als auch Max Frischs „Lehrstück ohne Lehre“, dass gerade jene konfliktscheuen Biedermänner den Brandstiftern oft erst den Raum gegeben haben, den sie zur Umsetzung ihrer zumeist vorher offen propagierten Unmenschlichkeiten benötigten?

Selbstredend sind gerade die berührendsten Geschichten immer auch Spiegel ihrer Zeit. So lässt uns Hans Fallada einem „kleinen Mann“ begegnen, der sich zunehmend als Spielball der Verhältnisse empfindet: Die Weltwirtschaftskrise, ausgelöst durch den Börsencrash des Jahres 1929, schrieb Geschichte, im Großen wie auch bei den vermeintlich „kleinen Leuten“, die auch heute viel zu häufig ausgeschlossen bleiben aus einer vom Prinzip der Wirtschaftlichkeit dominierten Gesellschaft. Die Folge ist nicht selten politische Resignation oder ihr Gegenpol: Radikalisierung.

Mit Marius von Mayenburgs „Der Stein“ werfen wir 30 Jahre nach dem Fall der Mauer einen heutigen Blick auf eine Zeit, der man das Etikett „Wende“ aufgedrückt hat. Wir wollen zum Nachdenken anregen: über Vergangenes, aber auch über Zukünftiges, denn Teilung und Vertreibung sind nach wie vor Mittel der Politik. Oder warum sollte man sonst im 21. Jahrhundert wieder Mauern bauen wollen?
Ein Blick auf und in die Geschichte lohnt sich immer, wie schon Ingeborg Bachmann wusste; folgen wir also ihrem Rat und werden wieder Schüler, damit wir uns durch Narzissmus und Unwissenheit, Hybris und Ignoranz nicht unserer Zukunft berauben.

Das Theater ist vielleicht mehr als jeder andere der Ort, über Geschichte und Geschichten nachzudenken, Sinnzusammenhänge herzustellen oder erst zu ergründen, der Reflexion Räume zu geben. Sollten wir nicht die Kunst dazu nutzen, Geschichte wie Geschichten lebendig zu halten und deren Botschaften an die nächsten Generationen weiterzugeben?

Dabei rückt auch die „Macht des Erzählens“ in den Mittelpunkt unseres Interesses: die Schöpferkraft von Fantasie, die Möglichkeit, durch Geschichten Welt(en) entstehen zu lassen, die konstituierende wie auch die integrative Kraft von Geschichten und Mythen. Halten wir uns dabei immer vor Augen, dass unser Heute erst durch das Gestern möglich wurde und dass erst aus allem zusammen das Morgen entsteht. In diesem Sinne ist unsere Geschichte mit ihren Geschichten eine wichtige – wenn nicht die wichtigste – Wurzel unseres Zusammenlebens.

Ich freue mich mit Ihnen gemeinsam auf eine anregende, ebenso nachdenkliche wie abwechslungsreiche Spielzeit 2019/2020!

Ihr
Christian Tombeil
Intendant Christian Tombeil