WE ARE FAMILY

Geleitwort zur Spielzeit 2020/2021 von Intendant Christian Tombeil
Die Empfindung des Einsamseins ist schmerzlich, wenn sie uns im Gewühl der Welt, unerträglich jedoch, wenn sie uns im Schoße unserer Familie überfällt.

Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach

Liebes Publikum,

ich schreibe dieses Vorwort in einer schwierigen Zeit. Die Menschen rund um den Globus stehen vor der wohl größten Herausforderung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Unser schon lange geplantes Spielzeitmotto „We Are Family“ erhält in dieser Krise eine ganz neue Dimension: Zurzeit sind Maßnahmen lebensnotwendig, die uns auf uns selbst, auf unsere engsten Vertrauten und auf unsere Familien zurückwerfen. Gleichzeitig ist höchste Solidarität gefordert: für die Älteren und Kranken, aber auch für junge Familien mit zu betreuenden Kindern – für all jene, die der derzeitige Ausnahmezustand vor existenzielle Probleme stellt. In einer Zeit, in der das gesamte gesellschaftliche und kulturelle Leben zum Erliegen gekommen ist und Menschenleben bedroht sind, erscheint die Planung einer neuen Spielzeit fast irreal. Nicht alle Projekte, die wir für 2020/2021 angedacht hatten, werden wir realisieren können. Und doch hoffen wir, Sie, verehrtes Publikum, ab Herbst 2020 wieder mit dem versorgen zu können, was wir für unser Leben als unverzichtbar erachten: live erlebbares Theater.

Schon früh hatten wir die Idee, unsere Spielzeit 2020/2021 mit einem berühmten Songtitel der Musikband Sister Sledge aus dem Jahr 1979, der den Zusammenhalt der vier Schwestern beschwörend zu einer Hymne ihrer Generation wurde, zu übertiteln: „We Are Family“. Als uns dann aber im März 2020 die Pandemie mit voller Wucht traf, erschien uns unsere Motto-Wahl in einem ganz neuen Licht: Wir fragten uns, was „Familie in Zeiten von Corona“ bedeutet, wie es bestellt ist um den Zusammenhalt in einem derartigen Mikrokosmos, wie „Kernfamilie“ überhaupt zu definieren ist und wer entscheidet, ob hilfsbedürftige Personen hinzugenommen werden können oder ausgeschlossen werden sollen. Was heißt es speziell für ältere Menschen, wenn man sich zu ihrem gesundheitlichen Schutz von ihnen fern hält, sie schweren Herzens isolieren und ihrer Einsamkeit überlassen muss? Und was, wenn Nähe und Gemeinsamkeit in häusliche Gewalt umschlagen?
Mit diesen Fragen und der zentralen, was das eigentlich ist, was wir so selbstverständlich „Familie“ nennen, möchten wir uns in der nächsten Spielzeit beschäftigen – wissend, dass es hier sehr unterschiedliche Antworten geben wird.

Das aus dem Lateinischen hergeleitete Wort „familia“, einer Kollektivbildung von „famulus“/„famula“ (= Diener/Dienerin), bezeichnete in der römischen Antike die Gesamtheit der Dienerschaft, die mit ihren Hausherren unter einem Dach lebte. Erst Ende des 17. Jahrhunderts etablierte sich der Begriff „Familie“ auch in unserer Alltagssprache und meinte lange Zeit die dem bürgerlichen Ideal entsprechende Kernfamilie.

Heutzutage verwenden wir den Begriff der Familie nachgerade inflationär. Wenn Vereine, Gangs, Clans, Fußball-Ultras oder auch politische Gruppierungen ihren Verbund ebenfalls als „ihre Familie“ bezeichnen, dann wollen sie damit das Gefühl der Verbundenheit, der Zugehörigkeit, des Schutzes innerhalb der Gruppe zum Ausdruck bringen. Darüber hinaus setzen sie aber auch Signale der Abschottung gegenüber denjenigen, die nicht dazugehören, die als Fremde draußen bleiben müssen. Geben wir uns also keiner trügerischen Hoffnung hin: „Die ganze Familienideologie ist ein sehr regressives Konzept. Die großen Werke der Weltliteratur handeln nicht von Familienglück, sondern von Familienhorror.“ (Jack Nicholson)

Was also erwartet Sie und uns in der neuen Spielzeit 2020/2021?

Wie schnell Familienzusammenhalt zur Farce verkommt, wenn der behütete Kleinstkosmos vor einem unlösbaren Rätsel steht, schilderte Heinrich von Kleist 1808 in seiner Novelle „Die Marquise von O…“. Der junge Regisseur Christopher Fromm führt die deutliche Kritik des Literaten an der Doppelmoral seiner Zeitgenossen fort in unsere Gegenwart. Diese Inszenierung war ursprünglich für die vergangene Spielzeit vorgesehen, konnte aber wegen der Pandemie nicht zur Premiere gebracht werden und eröffnet nun die Saison in der Casa.

Ist ein Paar ohne Kind wirklich eine Familie? Dieser und anderen Fragen gilt das Interesse von Pulitzer-Preisträger Edward Albee. Sein weltbekanntes, 1962 uraufgeführtes Schauspiel „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ zeigt die Abgründe ehelicher Beziehungskämpfe, deren Verwundungen sich tief in die Seelen und Herzen seiner Protagonisten wühlen. Erleben Sie dieses spannende Kammerspiel im Grillo-Theater in einer Inszenierung von Karsten Dahlem, der uns in der vergangenen Spielzeit mit seinem Blick auf das Beziehungsgeflecht von Ibsens „Peer Gynt“ bereits einen packenden Abend zu diesem Thema beschert hat.

Doch auch die heitere Seite darf natürlich nicht zu kurz kommen: In Oscar Wildes „Bunbury – Ernst ist das Leben“ begegnen Sie familiären Verstrickungen und Geheimnissen, verursacht durch den überbordenden Standesdünkel einer privilegierten Oberschicht. Regisseurin Susanne Lietzow und ihr Team bringen Wildes Komödie in der Adventszeit – kurz vor dem für Familien so wichtigen Fest der Liebe – auf die Bühne des Grillo-Theaters.

Natürlich darf auch die große Familiensaga nicht fehlen! Mit „Das achte Leben (Für Brilka)“ haben wir uns für einen epochalen Stoff entschieden. Viele von Ihnen werden diesen großartigen Roman von Nino Haratischwili ebenso wie ich verschlungen haben: eine wahrhaft epische Erzählung über das Leben von Frauen mehrerer Generationen in einer georgischen Familie, die sich bis ins Berlin des beginnenden 21. Jahrhunderts spannt!

Und was kommt Corona-bedingt vorerst nicht in der nächsten Saison?

Leider mussten wir uns aus probentechnischen Gründen schon recht frühzeitig von der Idee verabschieden, die kommende Spielzeit mit der Uraufführung eines neuen Stückes von Regisseur Volker Lösch zu eröffnen.
Zudem hatten wir nach der Absage der diesjährigen Ruhrfestspiele lange noch gehofft, dass wir wenigstens die Essener Premiere unserer deutsch-polnischen Koproduktion „Arbeiterinnen / Pracujące kobiety“ in diesem Herbst würden halten können. Aber aufgrund der ungewissen Lage insbesondere bei einer international besetzten Theaterarbeit haben wir schweren Herzens entschieden, diese Inszenierung zu einem späteren Zeitpunkt in der kommenden oder der darauffolgenden Spielzeit herauszubringen, wenn wir über mehr Planungssicherheit verfügen.

Allen derzeitigen Unabwägbarkeiten zum Trotz wünsche ich uns allen eine uns verbindende und noch enger zusammenführende Spielzeit 2020/2021. Glück auf und bleiben Sie gesund!

Herzlich
Ihr
Christian Tombeil
Intendant Christian Tombeil