Die Zeit, die ist ein sonderbares ding. Wenn man so hinlebt, ist sie rein gar nichts. Aber dann auf einmal, da spürt man nichts als sie. sie ist um uns herum, sie ist auch in uns drinnen ...

Hugo von Hofmannsthal

Liebes Publikum!

Was für eine sonderbare Zeit nach wie vor, da ich jetzt weit mehr als ein Jahr nach Beginn des ersten Lockdowns im März 2020 hier sitze und ein Vorwort schreibe, schreiben soll, für eine Spielzeit, von der ich derzeit immer noch nicht weiß, wie, ob und in welchem Umfang sie überhaupt stattfinden kann.

„Alles bleibt anders“, soviel lässt sich wohl gerade sagen angesichts der pandemiebedingten Unwägbarkeiten, die uns einen Spielplan aus bereits geplanten, teilweise kurz geprobten oder gar vorstellungsreif in der Warteschleife auf ihre Premiere hoffenden Inszenierungen und Neuem bescheren werden. Es gibt so viel nachzuholen, wir haben aber auch viel gelernt.

Im ersten Lockdown haben wir nicht einmal mehr geprobt. Also nutzten wir die Zeit, Konzepte für ein Theater unter Corona-Bedingungen zu entwickeln. Als wir dann im Juni 2020 wieder spielen durften, haben wir die Theorie in die Praxis umgesetzt, indem wir unsere Produktionen „Biedermann und die Brandstifter“ und „Der Stein“ coronakonform umsetzten und sie zwar vor weniger Zuschauenden, aber dennoch vor ausverkauftem Haus spielen konnten. Dieser Erfolg war dem Teamgeist des ganzen Hauses geschuldet, das achtsam, aufmerksam und vorsichtig mit sich, den anderen und der gesamten Situation umgegangen ist.

Ja, wir hatten vorgebaut und uns mit unseren Regie-Teams darauf verständigt, die anstehenden Inszenierungen so anzulegen, dass diese auch unter weiter bestehenden Pandemievorkehrungen geprobt und gezeigt werden können. Es war beglückend zu erleben, dass diese Maßgaben von allen Beteiligten nicht nur akzeptiert wurden, sondern auch zu berührenden und überraschenden szenischen Umsetzungen führten.
Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich möchte hier nicht den überstrapazierten Begriff von der „Krise als Chance“ bemühen. Natürlich hätten wir es uns anders gewünscht und wir sehnen uns danach, dass auf unseren Bühnen endlich wieder gefahrlos Nähe möglich ist.

Aber trotzdem war es einfach schön mitzuerleben, dass sich niemand nachhaltig lähmen ließ und Live-Theater möglich war. Doch Ende Oktober war Schluss – bis jetzt.

Trotzdem haben wir weiter gearbeitet und beispielsweise unser fertig geprobtes Familienstück „Der Zauberer von Oz“ als Stream on Demand in der Weihnachtswoche angeboten – es wurde mit mehr als 3.000 Klicks aufgerufen. Unser bisher außergewöhnlichstes digitales Projekt feierte im Mai Premiere: „Der Reichsbürger (360°)“ als VR-Produktion, die seitdem das Essener Publikum zu Hause begeistert. Ebenfalls im Mai erlebte die Inszenierung „Früchte des Zorns“ nach dem berühmten Roman von John Steinbeck ihre Premiere als Stream on Demand – die Live-Premiere folgt hoffentlich im September. Weitere hochkarätige Inszenierungen wie „Endspiel“, „Bunbury – Ernst ist das Leben“ und „Fünf gelöschte Nachrichten“ warten sehnlichst darauf, sich Ihnen, liebes Publikum, endlich präsentieren zu können: live oder digital, in der noch laufenden Spielzeit oder in der nächsten. ­Achten Sie in unseren Publi­kationen auf diese Logos:
Sie weisen auf unser digitales bzw. VR-Programm hin. Und wundern Sie sich nicht über das „alte“, analoge Telefon: Unsere Theaterpädagogik nutzt eben dies mit der Unterstützung unseres Schauspiel-Ensembles für sehr persönliche Live-Momente in Pandemie-Zeiten.

Was aber erwartet Sie dessen ungeachtet in der Spielzeit 2021/2022?

Zuerst einmal hoffe ich inständig, Sie zu unseren Premieren endlich wieder persönlich im Grillo-Theater oder in der Casa begrüßen zu dürfen! Mein Team und ich vermissen Sie so sehr!
Trotzdem wird einiges anders. Wir haben uns entschlossen, drei aufeinander aufbauende Publikationen für Sie vorzubereiten, um immer möglichst aktuell zu sein und eventuelle Änderungen zeitnah an Sie weiterzugeben.

„Alles bleibt anders“ – vielleicht auch eine Chance für die Zukunft und für unser Theater? Wohin werden wir zuerst gehen, wenn wir endlich wieder dürfen, wen werden wir treffen, wen als erstes umarmen und wofür oder wogegen werden wir uns engagieren? Wofür werden wir uns interessieren, welche Geschichten werden wir erzählen und welche werden wir hören und sehen wollen?

Und was erwarten und erhoffen Sie sich von uns? Möchten Sie zur Normalität zurückkehren, (nicht nur) im übertragenen Sinne Ihre gewohnten Plätze wieder einnehmen, andere Theaterfans treffen und auf der Premierenfeier „Ihren“ Schauspielern und Schauspielerinnen begegnen? Oder möchten Sie doch auch den so deutlich sichtbar gewordenen Riss in der Gesellschaft, den wir – seien wir ehrlich – alle empfinden, auf der Bühne widergespiegelt sehen?
Haben Sie Angst, ins Theater zu kommen oder überwiegt die Sehnsucht?
Wir freuen uns sehr darauf, bald wieder mit Ihnen ins Gespräch zu kommen.

Wie in jedem Jahr wollen wir versuchen, durch die ausgewählten Stücke zu gesellschaftlich relevanten Themen Stellung zu beziehen. Denn die Krise hat uns allen nicht nur gezeigt, wie verwundbar auch ein „Hightech-Land“ wie die Bundesrepublik ist, sondern vor allem, was hier bei uns mehr schlecht denn recht funktioniert. Dazu passt ein Titel, der eigentlich schon vor einem Jahr Premiere haben sollte, fast besser als zuvor: Bertolt Brechts „Die Rundköpfe und die Spitzköpfe oder Reich und reich gesellt sich gern“. Die Krise führt uns eindringlich vor Augen, wie sich soziale Unterschiede verschärfen und wie die daraus resultierenden ungleich oder ungerecht verteilten Zukunftschancen tiefe Gräben durch unsere Gesellschaft ziehen. Aber auch, wie sich der Begriff der Zwei-Klassen-Gesellschaft in kürzester Zeit verschieben oder gar neu definieren kann, sobald Neid und Missgunst (und nicht zuletzt Angst) Einzug halten …

Einige Produktionen und Kooperationen konnten wir aus der vergangenen Spielzeit in die neue Saison „retten“, andere neu ins Leben rufen, und wir hoffen, Ihnen diese bald und live zeigen zu können. Davon mehr im nächsten Heft, aber so viel sei verraten: Selbstverständlich gehört dazu auch unser Familienstück „Der Zauberer von Oz“. Ich persönlich glaube ganz fest daran, dass diese wunderbare Geschichte von Freundschaft, Solidarität und Zusammenhalt sowie nicht zuletzt dem Glauben an die eigene Kraft und Phantasie uns einen Schritt weit aus der Krise führen kann. Und wenn dann die ganze Familie endlich wieder zusammen ins Theater kommen kann, ist die Welt vielleicht wieder ein kleines bisschen bunter.

In diesem Sinne lassen Sie uns auch weiterhin achtsam sein im Umgang miteinander.

We’ll meet again!

Ihr
Christian Tombeil

Essen, im Frühjahr 2021