"Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar." Ingeborg Bachmann

Liebes Publikum!

Ist das so? Ist uns die Wahrheit wirklich zumutbar? Lässt es sich manchmal nicht doch besser mit der Lüge leben? Oder zumindest dem Gefühl, dass doch letztlich „Alles Lüge“ sei, dass wir stets und ständig im Sinne dubioser und manchmal undurchschaubarer Eigeninteressen in die Irre geführt werden – von wem auch immer? Wo, in welcher Position und Funktion man die Lügner und Verschwörerinnen vermuten, welche Interessen man ihnen auch unterstellen mag, eines ist sicher: Mit der inneren Überzeugung, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben, lässt es sich relativ komfortabel leben. Demokratischer Gestaltungswille und die Fähigkeit zum Diskurs sind so viel anstrengender und bleiben derzeit allzu oft auf der Strecke zugunsten von ungezügelter Aggression und Hass, die vor allem in den sozialen Netzwerken exzessiver denn je ausgelebt werden.

Die zurückliegende Zeit hat uns auf die Probe und unsere Solidarität in Frage gestellt. Wir alle sahen uns mit so vielen neuen Herausforderungen und existentiellen Fragen konfrontiert: Was sollen wir und wem können, wem dürfen wir überhaupt noch glauben? Was ist wahr? Was ist falsch? Und wer will das entscheiden? Welche Beurteilungskriterien stehen uns zur Verfügung angesichts einer Situation, in der uns zuverlässige Prognosen immer noch schwer fallen? Lange nicht mehr war die Verunsicherung so groß, die Dissonanz innerhalb der Gesellschaft so spürbar wie in den letzten Monaten.

Ja, es haben sich nicht einige, sondern etliche an der Pandemie bereichert. Ja, die Politik hat häufig mehr gezaudert als entschieden gehandelt, und ja, unser Land hat in vielen Fragen Nachholbedarf, womit nicht nur die „Digitalwüste Deutschland“, sondern auch die realitätsfernen, überbürokratisierten Auffangmechanismen beispielsweise für freischaffende Künstlerinnen und Künstler gemeint sind oder die stiefmütterliche finanzielle und ideelle Behandlung des Pflegesektors. Gar nicht zu reden von der Einordnung des Stellenwertes von Kunst und Kultur, die im vergangenen Jahr immer wieder auf durchaus traurige Weise offenbar wurde.

Was wird bleiben von den großen Themen der hinter uns liegenden Monate: den Forderungen nach gerechterer Bezahlung derjenigen, die in systemrelevanten Berufen arbeiten, nach gleichwertigem Zugang zu Bildung für jeden Menschen, unabhängig von finanziellen Möglichkeiten, nach Gendergerechtigkeit, nach angemessenerer Verteilung zwischen Arm und Reich, nach gelebtem freien Glauben … die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Werden sich gesellschaftliche Schieflagen in Zukunft nivellieren oder eher verschärfen? In Volker Löschs neuer Produktion „AufRuhr“ stehen die Zeichen auf Konfrontation: Der unserem Theater seit 2012 fest verbundene Regisseur greift nach seiner gefeierten Inszenierung „Der Prinz, der Bettel­knabe und das Kapital“ ein weiteres Mal die Zeichen der Zeit auf und beschäftigt sich intensiv mit den fatalen Auswirkungen der immer größer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich auf die Essener Stadtgesellschaft – darauf sind wir sehr gespannt!

Wir freuen uns außerdem auf die Umsetzung des zauberhaft illustrierten Kinderbuches „Der Mann, der eine Blume sein wollte“, einer Suche nach der eigenen Wahrheit und Identität für alle ab 5 Jahren. Die ganz eigene ästhetische Bühnenadaption der compagnie toit végétal feiert am 24. Oktober 2021 in der Casa Premiere.

Last but not least wird sich Karsten Dahlem mit den großen Glaubensfragen in Lessings „Nathan der Weise“ auseinandersetzen. Seine Inszenierung feiert am 18. Dezember 2021 in der Casa Premiere und beschließt Teil #2 unseres Jahresheftes. Teil #3, welcher die Spielzeit ab Januar 2022 beleuchtet, halten Sie hoffentlich im Dezember in den Händen.
Zusammen mit zahlreichen Wiederaufnahmen und Inszenierungen, die bereits im September Premiere feierten, wird es in dieser Spielzeit wahrhaftig viel zu sehen geben.

Dennoch müssen wir unsere Pläne nach wie vor stets und ständig mit dem Machbaren abgleichen, und wie sich die Lage in Zukunft entwickeln wird, weiß derzeit niemand mit Sicherheit. So sehr wir auch hoffen, dass wir allʼ unsere Ideen und Projekte in dieser Spielzeit werden verwirklichen können: Versprechen kann ich es Ihnen nicht – das ist leider die Wahrheit. Da wir Sie aber recht gut kennen, liebes Publikum, und Sie uns, vertrauen wir darauf, dass Ihnen diese Wahrheit zumutbar ist! Versprechen kann ich jedenfalls, dass wir unser Bestes geben. Denn Ihr wahrhaftiger Besuch hier im Schauspiel ist das, worauf wir uns am meisten freuen. Glauben Sie mir!

Auf ganz bald und Glück auf!
Ihr Christian Tombeil