Öffentliche Probe "≈ [ungefähr gleich]"

von Jonas Hassen Khemiri
Deutsch von Jana Hallberg
November 2018
Mi
28
http://www.theater-essen.de/ Theater und Philharmonie Essen Opernplatz 10, 45128 Essen

Öffentliche Probe "≈ [ungefähr gleich]"

Casa · Grillo-Theater
Service für Pädagoginnen und Pädagogen: Ab 18:00 Uhr gemeinsamer Besuch der Öffentlichen Probe. Anmeldung unter theaterpaedagogik@schauspiel-essen.de oder T 02 01 81 22-334.



Das Stück

Ein Job mit fettem Gehalt, hübscher Sekretarin und Firmenwagen – das wär‘s doch. Andrej hat am Abendkolleg den Kurs „Grundlagen von Wirtschaft und Marketing“ belegt und ist nun fest entschlossen, endlich „das System“ kennenzulernen und sich seinen Platz darin zu sichern. Nicht wie Peter, dieser Schnorrer, der mit Sicherheit kein Obdachloser, sondern ein Betrüger ist. Das System von innen heraus zu verändern, dazu ist wiederum Mani fest entschlossen und versucht, den Studierenden in seinen Vorlesungen das Genie und den Wahnsinn in Vergessenheit geratener Ökonomen zu vermitteln. Martina träumt unterdessen davon, die Stadt endlich hinter sich lassen zu können, um auf dem Land als Öko-Selbstversorgerin zu leben. Doch mit dem Job im Tabakladen wird sie das Geld dafür wohl nicht zusammen bekommen. Und dann ist da noch diese zweite Martina in ihrem Kopf, die nicht mehr warten will, sondern nehmen – nehmen, was ihr doch genauso zusteht wie den anderen auch! Freja schließlich würde sprichwörtlich über Leichen gehen, nur um wenigstens ihren alten Job zurückzubekommen.  

„Unten treten, oben buckeln, sexy mit dem Arsch wackeln“, so beschreiben die Rapper NMZS und Danger Dan in ihrem Song „Lebensmotto Tarnkappe“ die absurde Zurichtung des Einzelnen in der ideologischen Maschinerie der Selbstvermarktung. Jonas Hassen Khemiri, einer der bekanntesten Gegenwartsautoren Schwedens, exerziert diese Zumutung einer zur Markthalle gewordenen Welt an den erzählerisch kunstvoll verzahnten Schicksalen von fünf Menschen durch, die den Anschluss an die ökonomische Entwicklung längst verloren haben und sich im Spannungsfeld zwischen Unterordnung und Rebellion dazu verhalten müssen. Mal düster-zynisch, mal humorvoll, aber stets berührend und mit beinahe liebevoll anmutendem Verständnis für seine Figuren fragt er nach der Möglichkeit von Freiheit in der „freien“ Marktwirtschaft, reist dem Kapitalismus den Schleier der „Jeder kann es schaffen“-Rhetorik vom angeblich menschlichen Antlitz und verrät uns ganz nebenbei die Formel für die Berechnung des Unterhaltungswertes eines Theaterabends.
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